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19.06.2015

„Jeder hat ein Recht auf Wind in den Haaren“

Calle Overweg, Initiator von „Radeln im Alter“ unternimmt mit Senioren aus dem Seniorenzentrum Schöneberg Ausflüge in seiner Fahrradrikscha. Für alle ein Erlebnis der besonderen Art.

„Guck mal, der Mann fährt seine Eltern spazieren. Das ist ja toll“, sagt eine Spaziergängerin, während die Rikscha im Schöneberger Heinrich-Lassen-Park an ihr vorbei fährt. In der Rikscha flirtet Heinz Rouvaire mit seiner Sitznachbarin Magdalene Strauß: „Wissen Sie, Sie sind die einzige Intellektuelle hier, das habe ich sofort erkannt“.

Die 87-Jährige lacht verlegen und legt ihren Kopf an seine Schulter. Anders als vielleicht vermutet, handelt es sich nicht um ein lange verheiratetes Ehepaar, das spazieren gefahren wird, und der Rikscha-Fahrer ist auch nicht der Sohn der beiden.

Calle Overweg fährt Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Seniorenzentrum Schöneberg spazieren – und das macht er, weil es ihm Spaß macht. „Radeln ohne Alter“ ist eine in Dänemark entstandene, inzwischen weltweite Initiative. Sie bringt körperlich noch gut bewegliche Menschen mit altersbedingt weniger beweglichen für Ausflüge zusammen: durch ehrenamtliche Fahrradrikschafahrer – und das kostenlos. Calle Overweg hat die Idee nach Berlin gebracht. Seit einigen Wochen ist er nun mit den Bewohnerinnen und Bewohnern des Schöneberger Seniorenzentrums unterwegs.

Dabei weiß er von seinen Touren Bewegtes und Bewegendes zu erzählen.

„Sie sangen, jubelten, lachten und bestaunten alles, als hätten sie es zum ersten Mal gesehen"

Calle Overweg über seine ersten Ausflüge auf drei Rädern

Wo haben Sie das erste Mal von, wie es in Dänemark heißt, „Cycling uden alder“ (Radeln ohne Alter – Das Recht auf Wind in den Haaren) gehört?

Ich bin eigentlich Dokumentarfilmemacher und während einer Recherche über Fahrräder auf eine Rede von Ole Kassow gestoßen. Er hat die Initiative in Kopenhagen ins Leben gerufen. Seine Worte haben mich sehr berührt. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nicht warum, aber ich war so beeindruckt, dass ich mich anschließend sofort bei ihm melden musste.

Wie ging es dann weiter?

Was ich sofort wusste war, dass ich das nicht filmen, sondern selber machen will! Ich habe ein Interview auf einer Webseite gegeben und mich dabei sozusagen öffentlich dazu bekannt, Radeln ohne Alter nach Berlin zu holen. Was, wie ich finde, ein Risiko ist, weil man ja auch damit rechnen muss, dass es scheitern kann. Man braucht viel Zeit und Energie, um eine Initiative wie diese in einer anderen Stadt lebendig werden zu lassen. Ich hab´s trotzdem gemacht – aus Wagemut oder Unvorsicht?! (er lacht). Es kam doch relativ schnell auch ein kompetentes Team zusammen, um diese Initiative aus dem Boden zu stampfen.

Ich habe anfangs meine 95-jährige Tante gefahren. Sie hat eine künstliche Hüfte, die nicht mehr hält und die nicht mehr ersetzt werden kann. Dadurch geht sie ganz mühsam am Stock. Und Rollstuhlfahren ist halt auch nicht ganz so spaßig, wie auf einer Rikscha fahren.

So eine Fahrradrikscha habe ich auf Berlins Straßen noch nicht gesehen. Sie scheint speziell zu diesem Zweck gebaut worden zu sein?

Ich fahre eine Christiania-Rikscha. Sie entstammt der Werkstatt des dänischen Fahrradbauers Christiania, der für seine vielen guten Lastenradkonstruktionen bekannt ist. Der extrem tiefe Einstieg ist wichtig, ein kleiner Motor hilft, wenn es mal bergauf geht. Wir haben momentan nur ein Fahrrad. Es kostet ungefähr 5.000 Euro und ist mit einer Lieferzeit von mindestens vier Monaten auch nicht so leicht zu bekommen.

Und mit dieser Rikscha haben Sie dann einfach vorm Seniorenzentrum Schöneberg Halt gemacht?

Ich wohne in der Nähe des Seniorenzentrums, habe dort einfach mal nach einem Termin gefragt und in Frau Mönnich, der Sozialarbeiterin und stellvertretenden Heimleitung, sofort eine Verbündete gefunden.

Wie haben Sie die ersten Fahrten mit den Bewohnerinnen und Bewohnern empfunden?

Es passiert etwas, wenn man mit jemandem in so einer Rikscha fährt und das ganz automatisch, ohne dass man sich groß anstrengen muss. Es ergibt sich eine lustige Offenheit dem gegenüber, was da kommt. Die beiden Damen, die ich beim letzten Mal gefahren habe, waren an Demenz erkrankt, aber das machte nichts, sie waren völlig begeistert. Sie sangen, jubelten, lachten und bestaunten alles, als hätten sie es zum ersten Mal gesehen: den Teich, die Bäume, die Goldfische im Wasser, das Licht, die herumtobenden Kinder – alles haben die Zwei kommentiert. Sie haben versucht, mit allen möglichen Leuten Kontakt aufzunehmen und es auch geschafft. Leute, die auf uns zukamen, fingen an zu grinsen. Es war so schön zu sehen, dass diese Frauen ihren Spaß hatten.

Bisher war jede Fahrt anders, als ich sie erwartet hatte. Während der Ausflüge habe ich vieles aus den Leben der Menschen erfahren. Die Leute erzählen wahnsinnig gerne. Ungefähr so, wie beim Taxifahren. Es ist eine ähnlich nahe Situation, nur dass es nicht darum geht, jemanden von A nach B zu bringen, sondern darum, gemeinsam einen Ausflug zu erleben.

 
 
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